Rintheimer Notkirche

Am 22. Oktober 1922 wurde die frühere Notkirche eingeweiht

 
„Geschichte besteht aus Geschichten“ - was dies bedeuten kann, soll im folgenden Rückblick auf die letzten 100 Jahre der Kirchengeschichte von St. Martin in Rintheim aufgezeigt werden.
Gehen wir also den genannten Zeitraum zurück bis zum 22. Oktober 1922: An diesem Tag wurde die katholische Notkirche St. Martin in Rintheim offiziell eingeweiht. Als Notkirche bezeichnet man Räume oder Gebäude, die in einer Notlage mit einfachen Mitteln für den provisorischen Gebrauch als Kirchen-gebäude hergerichtet werden und somit nur als Übergangslösung gedacht sind.
Diese Umschreibung trifft auch für die Rintheimer Notkirche genau zu. Doch was heißt dies konkret? Um das besser verstehen zu können, lohnt es sich, noch ein Stück weiter in der Geschichte zurückzugehen.
Rintheim wird im Jahre 1110 zum ersten Mal urkundlich erwähnt und wurde 1275 vom damaligen Markgrafen von Baden mit einer Schenkungsurkunde dem Kloster Gottesaue übereignet. Dies blieb so bis ins 16. Jahrhundert; 1556 wurden die Einwohner Rintheims im Zuge der Reformation evangelisch. Für die nächsten Jahrhunderte blieb Rintheim ein evangelisches Dorf. So lebten 1843 in Rintheim 115 Familien; 569 Einwohner waren evangelisch, einer war katholisch. Ganz allmählich stieg die Zahl der Katholiken an. Um 1920 lebten bereits etwa 800 Katholiken in Rintheim.
 
Giebel der Notkirche
Die Rintheimer Katholiken waren zunächst der Kirchengemeinde St. Stephan und nach dem Bau der Bernharduskirche der Kirchengemeinde St. Bernhard zugeordnet. Mit zunehmender Anzahl der katholischen Bevölkerung wuchs auch der Wunsch nach einer eigenen Kirche in Rintheim, um Gottesdienste feiern und kirchliches Leben vor Ort besser entfalten zu können.
Daraufhin erwarb der Katholische Bonifatiusverein 1921 ein landwirtschaftliches Anwesen in der Rintheimer Ernststaße 19. Der im Hof gelegene Stall und die Scheune wurden zu einem Kirchenraum umgebaut. Am 22.10.1922 wurde diese Notkirche nach dem Hl. Martin von Tours benannt und eingeweiht. Das Relief über der Eingangstür, das die berühmte Mantelteilung zeigt, ist bis heute erhalten geblieben und ist wert, angeschaut zu werden.
 
Rintheimer Notkirche St. Martin, 1922-1959
Gottesdienste, die nun regelmäßig in der Notkirche stattfanden, wurden zunächst von Geistlichen aus St. Bernhard gehalten. Im Vorderhaus war ein Pfarrhaus eingerichtet worden. 1923 wurde zwischen Vorderhaus und Notkirche ein Quergebäude errichtet, in das Vinzenzschwestern aus dem Freiburger Mutterhaus einzogen und in diesem neuen „St. Hildegardishaus“ einen Kindergarten und eine Nähstube unterhielten. In den Händen der Ordensschwestern lag auch die Pflege alter und kranker Menschen.
Im Jahre 1926 wurde mit Erlass des Erzbischöflischen Ordinariats die neue Pfarrkuratie St. Martin Karlsruhe-Rintheim errichtet. Als erster Kurat wurde Kaplan Josef Junker, bisher in der Karlsruher Südstadt tätig, angewiesen. Ihm wurde am 8. Juli 1939 der Titel eines Pfarrers verliehen. Auf diese Geschichte(n) verweist ein Schild am Vorderhaus der Ernststraße 19.
 
Die aus Stall und Scheune umgebaute Notkirche - wie muss man sich kirchliches Leben darin konkret vorstellen? Wie wenige noch vorhandene Bilder zeigen, handelte es sich um einen liebevoll und vollständig ausgestatteten Kirchenraum mit Hochaltar, Kirchenbänken und Kommunionbänken. Eine kleine Empore bot Platz für den Kirchenchor. Der Altarraum war - wie damals üblich - mit schmiedeeisernen Gittern vom übrigen Kirchenraum abgetrennt. Kerzen, Blumenschmuck und sonstige Innenausstattung ließen den ehemaligen Stall und die Scheune vergessen und machten den Raum zu einem „richtigen“ Gotteshaus.
 
Einst in St. Bernhard und den Notkirchen in Rintheim und Hagsfeld, heute in Bruder Klaus.
Das Kreuz in der Rintheimer Notkirche kam aus St. Bernhard und hing später in der 1960 erbauten Hagsfelder Notkirche, bis es am 17. Oktober 1976 mit der Einweihung der Kirche „St. Nikolaus von Flüe“ (Bruder Klaus) in Hagsfeld seinen heutigen Platz fand. Diese „Kreuzgeschichte“ zeigt exemplarisch die Zusammenhänge, Verbindungen und Verflechtungen zwischen den verschiedenen Kirchen, die heute zusammen unsere Kirchengemeinde St. Raphael bilden.
 
Doch zurück zur Rintheimer Notkirche. Zeitzeuge Wolfgang Reeb, 1941 in Rintheim geboren, berichtet, dass er sich noch sehr gut an seine Erste heilige Kommunion im Jahre 1951 erinnern kann. Die kleine Notkirche sei bis auf den letzten Platz besetzt gewesen. Auch an Weihnachten, Ostern und anderen kirchlichen Festen, etwa an Fronleichnam, sei die Kirche schier aus allen Nähten geplatzt. Wolfgang Reeb erinnert sich auch, wie froh und dankbar die Rintheimer Katholiken für ihre Kirche waren und wie sich dies immer wieder in den Gottesdiensten, im Zusammenhalt und im kirchlichen Gemeindeleben gezeigt habe. Ein Beispiel hierfür ist der 1926 entstandene „Katolische Jugend- und Jungmännerverein St. Martin“, aus dem sich 1930 der „Kath. Männerverein St. Martin Karlsruhe-Rintheim“ gründete.
Gisela Hanfland, geboren 1933, bestätigt dieses lebendige und vielfältige Gemeindeleben aus eigener Erfahrung. Ab 1945 war sie jahrelang in Gruppenstunden für Mädchen aktiv. Sie erinnert sich z.B. an ein Krippenspiel, das von der Mädchengruppe aufgeführt wurde und in dem deshalb - den strengen Regeln der damaligen Zeit entsprechend - alle Rollen, auch die des heiligen Joseph, von Mädchen gespielt werden mussten. Und einen ganz besonderen Stellenwert in ihrer Erinnerung nimmt ihre Trauung 1958 in der Notkirche ein. Diese Beispiele erzählen von einem lebendigen Gemeindeleben in und mit der Notkirche und was anfangs nur als provisorische Übergangslösung gedacht war, sollte insgesamt 37 Jahre lang Bestand haben.
 
Im Zweiten Weltkrieg wurden bei dem großen Bombenangriff auf Karlsruhe in der Nacht vom 24. auf den 25. April 1944 weite Teile Rintheims vollkommen zerstört. Auch die Notkirche wurde schwer beschädigt, das Pfarrhaus im Vorderhaus brannte aus. Die evangelische Kirche in der Rintheimer Hauptstraße wurde vollkommen zerstört und übrig blieb nur eine mahnende Ruine. Die Notkirche konnte bald wieder hergerichtet werden und in der Folgezeit öffnete die Kirche ihre Tür auch für die evangelischen Christen, die nun bis 1952 ebenfalls dort ihre Gottesdienste und Feste feierten. Damit nahm die ökumenische Bewegung in Rintheim eindrucksvoll Gestalt an und lebt in Rintheim bis heute ja in besonderer Weise.
 
Die Rintheimer Glocke von 1935, heute im Turm von Bruder Klaus
Die Rintheimer Notkirche verfügte über zwei Kirchenglocken, die die Gläubigen zu den Gottesdiensten einluden und an Gebetszeiten erinnerten. Erst am 27. Oktober 1935 waren die neue Christkönigs- und die Martinsglocke, gespendet vom Katholischen Männerverein St. Martin, feierlich eingeweiht worden. Nur eine dieser Glocken überlebte den 2. Weltkrieg. Die andere teilte das Schicksal vieler Kirchenglocken in dieser Zeit: Sie wurde 1942 demontiert und zu Rüstungszwecken eingeschmolzen. Im Jahre 1950 erhielt die Notkirche wieder eine neue zweite Glocke. Karl-Josef Kräuter ist es zu verdanken, dass diese beiden Glocken der Notkirche, die ab 1959 im Kirchenkeller der neuen St. Martinskirche in Vergessenheit zu geraten drohten, in einem von ihm gebauten Glockenstuhl zunächst einen Platz im Eingangsbereich der neuen St. Martinskirche fanden, bis sie 1976 mit der Einweihung der Kirche „Bruder Klaus“ ihrer neuen Bestimmung zugeführt wurden. Von dort läuten sie bis heute und wer genau hinhört, kann vielleicht auch etwas von der Geschichte der Rintheimer Notkirche heraushören.
 
Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Anzahl der katholischen Bevölkerung in Rintheim, auch infolge des Zuzugs von Vertriebenen, stark an. Pfarrer Junker setzte sich mit viel Engagement und Erfolg dafür ein, dass Rintheim eine große „richtige“ Kirche erhält. Im Oktober 1947 wurde die Kuratie zur Katholischen Kirchengemeinde St. Martin im Rahmen der Gesamtkirchengemeinde Karlsruhe ernannt. Am 4. Oktober 1959 war es endlich so weit: Die neue Pfarrkirche St. Martin wurde feierlich eingeweiht. 1962 zieht Pfarrer Junker in das neue Pfarrhaus in der Mannheimer Straße ein, doch leider verstirbt er bereits ein Jahr später am 10. Oktober 1963. Sein Nachfolger wird Pfarrer Wilfried Kirn.
Mit dem Umzug von der Notkirche in das neue Gotteshaus wurde aber nicht nur der Name „St. Martin“ mitgenommen, sondern sicher auch der Geist und die Glaubenskraft, die sich so oft in der Notkirche gezeigt hatten. Auch in der neuen St. Martinskirche entwickelte sich in den Folgejahren ein lebendiges und aktives Gemeindeleben, das sich z.B. in den Aktivitäten der verschiedenen Gruppierungen wie der Frauengemeinschaft und dem Männerverein, aber auch im Wirken der Ministranten/innen zeigte. Und die beliebten, seit über 13 Jahren erfolgreich durchgeführten Abenteuerlandgottesdienste mögen vielleicht hier ebenfalls eine Wurzel haben.
An der ehemaligen Notkirche erinnert eine Tafel an die Geschichte des Gebäudes
Der Wechsel in die neue Martinskirche bedeutete übrigens nicht, dass in der Ernststraße 19 sozial-caritatives Wirken ein Ende fand: Die Räumlichkeiten, in denen sich jahrelang Kindergarten und Nähstube befanden, wurden der Lebenshilfe Karlsruhe zur Verfügung gestellt, die dort von 1960 - 1972 erste Arbeits- und Beschäftigungsangebote für Menschen mit Behinderungen unterhielt. Daraus entwickelten sich in den Folgejahren die Hagsfelder Werkstätten und Wohngemeinschaften Karlsruhe mit ihren vielfältigen Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen in Karlsruhe, Ettlingen und Umgebung. Aber das ist eine andere Geschichte…
Wir haben versucht, von der am 22.10.1922 entstandenen Rintheimer Notkirche bis heute einen Bogen zu spannen und dabei Zusammenhänge, Verbindungen und Verflechtungen - nicht nur im kirchlichen Bereich oder Kontext - aufzuzeigen. Die angesprochenen historischen Bezüge und „Geschichten“ sind nur angerissen und unvollständig. Viele andere Geschichten bleiben unerwähnt. Vielleicht wurden bei Ihnen eigene Erinnerungen geweckt und Sie fühlen sich angeregt, Ihre Gedanken, Erlebnisse und Geschichten „rund um die Rintheimer Notkirche“ zu erzählen? Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie sie kurz aufschreiben und uns über das Pfarrbüro St. Martin zukommen lassen würden. Wenn Sie einverstanden sind, könnten wir diese Geschichten, eventuell auch Fotos, zum eigentlichen Jubiläumstag am 22.10.2022 in einer kleinen Ausstellung in unserer neuen St. Martinskirche der Kirchengemeinde und allen Kirchenbesuchern zugänglich machen.
Und last but not least: Die Geschichte ist ja nicht zu Ende. Wie geht es mit unserer Kirchengemeinde St. Raphael, mit der katholischen Gesamtkirchengemeinde Karlsruhe spätestens ab 2030 weiter? Vielleicht nehmen wir in unser Gebet auch den Wunsch oder die Bitte auf, dass wir uns ein wenig von der Kraft, dem Mut und der Zuversicht inspirieren lassen, welche in der „Notkirche“ am Wirken gewesen sein müssen - gerade in einer Zeit, in der sich die Kirche vielen Fragen, Krisen und Herausforderungen stellen muss und man durchaus von einer „Kirche in Not“ sprechen könnte.
Bernhard Detemple